4 weitere Schadstoffe stecken oft im Altbau
Wer ein Haus aus den 1950er- bis 1970er-Jahren saniert oder abreißen lässt, trifft fast nie nur auf Asbest. Aus derselben Zeit stammen vier weitere Stoffe, die heute als Gefahrstoff gelten. Dazu zählen alte Mineralwolle in der Dämmung, teerhaltiger Kleber unter Holzfußböden, Holzschutzmittel mit PCP und Lindan sowie PCB in alten Fugen. Jeder dieser Stoffe hat einen eigenen Grenzwert und einen eigenen Entsorgungsweg. Wer nur auf Asbest prüft, übersieht die anderen vier.
Asbest wurde bis 1993 verbaut, alte Mineralwolle bis 1996, teerhaltiger Kleber bis Ende der 1960er-Jahre. Holzschutzmittel mit PCP und Lindan kamen bis 1978 zum Einsatz, PCB bis etwa 1980. Die folgende Übersicht nennt zu jedem Stoff das typische Bauteil und ein Erkennungsmerkmal.
| Schadstoff | Typisches Bauteil | Verwendet bis | Woran Sie ihn erkennen |
|---|---|---|---|
| Asbest | Dach- und Fassadenplatten, Bodenbeläge, Spritzasbest, Nachtspeicheröfen | 1993 | Graue Zementplatten, alte Vinylböden, sprödes Spritzmaterial |
| Alte Mineralwolle | Dämmung von Dach, Fassade und Rohrleitungen | 1996 | Gelblich-weiße oder graubraune Dämmwolle, am Aussehen nicht sicher von neuer Ware zu unterscheiden |
| Teerhaltiger Kleber | Kleber und Pappe unter Holzfußböden | Ende der 1960er-Jahre | Schwarzer, teerartig riechender Klebstoff unter altem Parkett |
| Holzschutzmittel mit PCP und Lindan | Dachstuhl, Fachwerk, Holzverkleidung | 1978 | Modrig-süßlicher Geruch, gelblich-bräunliche Streichspuren am Holz |
| PCB | Dauerelastische Fugen, Anstriche, Deckenplatten | 1980 | Graue oder braune, gummiartige Fugenmasse an Fenstern und Fassaden |
Abbruch- und Dämmbetriebe, die Asbest ausbauen, übernehmen in der Praxis oft auch die anderen vier Stoffe. Dieselbe Schutzausrüstung schützt vor Fasern, Staub und Dämpfen, und ein Auftrag deckt oft mehrere Bauteile gleichzeitig ab. Bei Asbest zählt das Baujahr vor 1993 als wichtigster Anhaltspunkt, bei den anderen vier Stoffen jeweils eine engere Bauzeit, wie die Tabelle oben zeigt. Wie Sie Ihr Haus nach dem Baujahr auf Asbest prüfen, lesen Sie in einem eigenen Ratgeber dazu.
Warum kommen mehrere Schadstoffe oft zusammen vor?
Ein Haus aus einer Bauzeit trägt fast immer die ganze Produktpalette dieser Zeit, nicht nur ein Bauteil. Wer in den 1960er-Jahren ein Dach deckte, griff zu Asbestzementplatten und darunter oft zu Mineralwolle. Wer einen Dachstuhl gegen Schädlinge schützte, strich ihn mit einem Mittel aus PCP und Lindan. Wer Fenster einbaute, dichtete sie mit einer PCB-haltigen Masse ab. Diese Kombinationen sind der Normalfall, nicht die Ausnahme.
- Steildach vor 1993: Asbestzementplatten außen, darunter häufig alte Mineralwolle zwischen den Sparren.
- Fachwerk- oder Holzhaus vor 1978: PCP und Lindan am sichtbaren Holz, dazu oft Asbestpappe hinter Heizkörpern.
- Flachdach oder Fensteranschluss vor 1980: PCB in der Fugenmasse, kombiniert mit Asbestzement am Dach.
- Altbau-Fußboden vor 1970: teerhaltiger Kleber unter dem Parkett, darunter nicht selten eine Schicht mit Asbestpappe.
- Kernsanierung eines Hauses von 1955 bis 1975: alle fünf Stoffe können in verschiedenen Bauteilen gleichzeitig auftreten.
Für die Praxis heißt das: Eine Untersuchung, die nur ein Bauteil und einen Stoff prüft, beantwortet nicht die Frage, ob das ganze Haus gefahrlos abgerissen oder saniert werden kann. Dafür gibt es das Schadstoffgutachten vor Abriss: eine Bestandsaufnahme aller verdächtigen Bauteile vor dem eigentlichen Eingriff.
Wie erkennen Sie, ob ein Bauteil belastet ist?
Kein Laie erkennt PAK, PCP, Lindan oder PCB am Aussehen zuverlässig. Ein paar Merkmale grenzen den Verdacht ein, ersetzen aber keine Laboranalyse: Schwarzer, teerartig riechender Kleber unter altem Parkett deutet auf teerhaltigen Klebstoff mit polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) hin. Ein modrig-süßlicher Geruch an sichtbarem Fachwerk deutet auf ein Holzschutzmittel mit Pentachlorphenol (PCP) hin. Eine graue oder braune, gummiartige Fugenmasse an Fenstern aus den 1960er- oder 1970er-Jahren deutet auf polychlorierte Biphenyle (PCB) hin. Sicherheit gibt nur die Probe.
- Baujahr und Umbauten klären: Baugenehmigung, alte Bauunterlagen oder eine Auskunft früherer Eigentümer zeigen, aus welcher Zeit ein Bauteil stammt.
- Verdächtige Bauteile eingrenzen: Dach, Fassade, Fußboden, Fensteranschluss und sichtbares Holz aus der ermittelten Bauzeit gelten als Verdachtsstellen, nicht das ganze Haus auf einmal.
- Arbeiten stoppen, bevor gebohrt oder geschliffen wird: Beim Bearbeiten werden bei allen Stoffen Fasern, Staub oder Dämpfe frei, die sich sonst im ganzen Haus verteilen.
- Materialprobe durch ein geprüftes Labor nehmen lassen: Eine Probe je Bauteil und Verdacht liefert einen Befund, den auch ein Käufer oder eine Behörde anerkennt.
- Bei mehr als einem Verdacht ein Gutachten beauftragen: Ein Sachverständiger bewertet alle Bauteile in einem Durchgang und liefert die Grundlage für Ausbau und Entsorgung.
Ist Ihr Haus vor 1980 gebaut, oder wurden Bauteile aus einem Altbau wiederverwendet?
Geht die geplante Arbeit über eine kleine Reparatur hinaus, etwa Abriss, Kernsanierung oder größere Dämm- und Bodenarbeiten?
Dann lassen Sie ein Gutachten erstellen, das alle Stoffe an allen betroffenen Bauteilen prüft, bevor die Arbeit beginnt.
Dann genügt oft eine einzelne Probe des Bauteils, an dem tatsächlich gearbeitet wird.
Dann ist das Risiko gering. Bei unbekannter Sanierungsgeschichte oder wiederverwendeten Altbauteilen bleibt ein Restrisiko, das eine einzelne Probe beim ersten Verdacht klärt.
Wer darf die Schadstoffe entfernen?
Anders als bei Asbest braucht nicht jeder der vier weiteren Stoffe eine geprüfte Ausbildung des Betriebs. Die Anforderungen unterscheiden sich deutlich, und wer den falschen Betrieb beauftragt, riskiert eine Sanierung, die nichts bringt. Die Einzelheiten zur Dämmwolle stehen im Ratgeber Alte Mineralwolle ausbauen und entsorgen.
- Alte Mineralwolle: Der Betrieb braucht keinen eigenen Ausbildungsnachweis, aber eine schriftliche Anweisung für seine Beschäftigten und die passende Schutzausrüstung sind Pflicht, sobald krebsverdächtige Fasern frei werden können.
- Teerhaltiger Kleber: Aufträge sollten nur an Betriebe gehen, die ihre Erfahrung, ihr Personal und ihre Ausrüstung für diese Arbeit nachweisen können.
- Holzschutzmittel mit PCP und Lindan: Eine bundesweite Ausbildungspflicht gibt es nicht, verlangt wird aber ein Sanierungskonzept durch einen Sachverständigen, sobald Grenzwerte überschritten sind.
- PCB: Die Sanierung folgt den Regeln des jeweiligen Bundeslandes und wird von einem Fachbüro für Schadstoffuntersuchung geplant, weil die Quelle der Belastung genau eingegrenzt werden muss.
Was kostet die Prüfung, und wer zahlt sie?
Eine einzelne Materialprobe kostet je nach Stoff und Labor einen zweistelligen bis niedrigen dreistelligen Betrag. Ein vollständiges Gutachten für ein Einfamilienhaus kostet nach Angaben eines bundesweiten Sachverständigenportals 1.500 bis 2.500 Euro netto, inklusive aller Proben und der Laboranalyse. Die Kosten trägt in aller Regel der Eigentümer als Auftraggeber der Maßnahme, nicht die öffentliche Hand.
Beim Finanzamt zählen die Arbeitskosten einer Schadstoffsanierung im eigenen Haushalt wie bei Asbest als Handwerkerleistung: 20 Prozent der Kosten, bis höchstens 1.200 Euro im Jahr, mindern Ihre Steuer. Das reine Gutachten zählt nicht dazu, weil es keine handwerkliche Arbeit ist. Größere Häuser mit mehreren Verdachtsstellen kosten entsprechend mehr, weil jede zusätzliche Bauteilart eine eigene Probenreihe braucht.
Welche Fehler passieren bei mehreren Schadstoffen?
Die häufigsten Fehler entstehen nicht aus Unwissen über einen einzelnen Stoff, sondern aus der Annahme, ein geprüfter Stoff schließe die anderen aus.
- Nur auf Asbest prüfen und die anderen vier Stoffe im selben Haus übersehen, weil der Asbestbefund negativ war.
- Verschiedene Abfälle im selben Container sammeln: Teerhaltiger Kleber, PCB-Fugenmasse und asbesthaltiges Material tragen unterschiedliche Kennziffern und dürfen nicht vermischt werden.
- Einen allgemeinen Handwerksbetrieb statt eines Fachbetriebs mit Erfahrung im jeweiligen Stoff beauftragen.
- Vor der Probe schon schleifen, bohren oder abschlagen, weil die Arbeit sonst liegen bleiben würde.
- Das Gutachten nach der ersten Sanierungsphase nicht auf den neuesten Stand bringen, obwohl beim Rückbau weitere Bauteile sichtbar werden.
Häufige Fragen
Muss ich vor jeder Renovierung ein Schadstoffgutachten erstellen lassen?
Nein, nur wenn die Arbeit über eine kleine Reparatur hinausgeht, etwa bei Abriss, Kernsanierung oder größeren Dämm- und Bodenarbeiten an einem Haus vor 1980. Sie müssen dem ausführenden Betrieb ohnehin alle bekannten Informationen zu Schadstoffen mitteilen, und bei unklarer Geschichte des Hauses liefert erst das Gutachten diese Informationen.
Ist alte Mineralwolle genauso gefährlich wie Asbest?
Vor 1996 eingebaute Mineralwolle gilt als krebserzeugend, ähnlich wie Asbest, verlangt aber anders als Asbest keinen eigenen Ausbildungsnachweis des Betriebs. Je nach Umfang der Arbeit gelten gestaffelte Schutzmaßnahmen, von der Staubmaske bis zum Schutzanzug.
Wie erkenne ich teerhaltigen Parkettkleber?
Teerhaltiger Klebstoff ist schwarz, riecht teerartig und wurde bei Mosaikparkett bis Anfang, bei Stabparkett bis Ende der 1960er-Jahre verlegt. Eine sichere Aussage liefert nur eine Laboranalyse, weil auch seltene, ungefährliche Kleber ähnlich aussehen.
Ab welchem Wert muss ich PCB-Fugen sanieren lassen?
Ab 300 Nanogramm PCB je Kubikmeter Raumluft gilt eine Sanierung als nötig, ab 3.000 Nanogramm sind sofortige Maßnahmen fällig. Unterhalb von 300 Nanogramm gilt die Belastung auf lange Sicht als hinnehmbar.
Was passiert, wenn ich mehrere Schadstoffe zusammen im Bauschutt entsorge?
Sobald Sondermüll mit gewöhnlichem Bauschutt vermischt wird, gilt die gesamte Menge als Sondermüll und muss teurer entsorgt werden. Asbest, teerhaltiger Kleber, PCP-Holzreste und PCB-Fugenmasse gehören deshalb in getrennte, gekennzeichnete Behälter.
