Warum es einen Unterschied macht, wie fest der Asbest gebunden ist
Ob Sie Asbest belassen dürfen oder entfernen müssen, hängt zuerst davon ab, wie fest die Fasern im Material sitzen. Asbestzement, wie Sie ihn von Dachplatten und Rohren kennen, enthält meist unter 15 Prozent Asbest und hält die Fasern fest im Zement gebunden. Weiche Produkte wie Spritzasbest, leichte Dämmplatten, Pappen oder Dichtungsschnüre haben dagegen oft über 60 Prozent Asbest, und ihre Fasern lösen sich viel leichter.
| Merkmal | Fest gebunden | Weich gebunden |
|---|---|---|
| Beispiele | Asbestzementplatten und -rohre, alte Bodenplatten, Dichtungen, Putze, Fliesenkleber | Spritzasbest, leichte Dämmplatten, Pappen, Dichtungsschnüre, Kerne in Nachtspeicheröfen |
| Fasern lösen sich bei normaler Nutzung | praktisch nicht, solange das Material heil bleibt | schon durch Alterung, Erschütterung und Luftzug |
| Fasern lösen sich bei der Arbeit daran | stark beim Bohren, Sägen, Schleifen, Abschlagen | sehr stark, deshalb strenge Schutzmaßnahmen |
| Welche Regel fürs Belassen gilt | keine allgemeine Pflicht zur Sanierung | Bewertung nach Punkten mit Fristen |
Auch aus fest gebundenem Material können beim Bearbeiten Fasern austreten. Für das reine Belassen bleibt der Unterschied trotzdem wichtig: Ein intaktes Asbestzementdach liegt einfach da, eine alte Spritzasbestdecke dagegen verändert sich mit der Zeit von allein.
Wann Asbest bleiben darf und wann er raus muss
Asbest darf bleiben, solange das Material heil ist und niemand daran arbeitet. Eine Pflicht zum Entfernen entsteht erst aus dem Zustand: Spröde und brüchige Fassaden- oder Dachplatten müssen raus, genauso wie lose oder angebrochene Bodenbeläge.
Ist das Material weich gebunden und liegt es in einem genutzten Innenraum?
Ergibt die Bewertung 80 Punkte oder mehr?
Entfernen oder abtrennen, und zwar bald. Bis dahin helfen vorläufige Maßnahmen wie Nassreinigung oder eine staubdichte Trennwand, mit einer Messung direkt danach.
Belassen und neu bewerten: bei 70 bis 79 Punkten spätestens alle zwei Jahre, unter 70 Punkten spätestens alle fünf Jahre.
Ist das fest gebundene Material heil, also nicht spröde, brüchig oder beschädigt?
Wollen Sie an dem Bauteil arbeiten, es überdecken oder eine Anlage daran befestigen?
Entfernen, bevor Sie bauen. Ein Asbestzementdach fest zu überdecken oder zu überbauen ist verboten. Einzelne kaputte Platten dürfen Sie im Rahmen der normalen Pflege gegen asbestfreie tauschen.
Belassen. Schreiben Sie Lage und Zustand in Ihre Hausakte und schauen Sie bei jeder Gelegenheit nach Schäden.
Entfernen. Das Material erfüllt seine Aufgabe nicht mehr, und die Ausnahme für die normale Pflege gilt dann nicht mehr.
Was Sie mit einem Asbestbauteil tun dürfen
Arbeiten an asbesthaltigen Bauteilen sind grundsätzlich verboten, mit vier Ausnahmen. Alles, was nicht zu einer dieser vier gehört, dürfen weder Betriebe noch Sie selbst tun.
- Vollständig entfernen: das Bauteil oder Material komplett ausbauen, auch nur an einer Stelle. Das ist der einzige Weg, der das Thema dauerhaft löst.
- Räumlich trennen: nur wenn das vollständige Entfernen technisch nicht möglich ist.
- Sofort sichern: eine erste Notmaßnahme bei Schäden, bis das Entfernen folgt.
- Normal instand halten: warten und pflegen im Rahmen der üblichen Nutzung, solange das Material seine Funktion noch erfüllt, ohne es dabei zu verändern oder zu verstecken.
Warum Beschichten keine Sanierung mehr ist
Bis 2020 kannte die Bewertung für weiche Asbestprodukte drei Wege: entfernen, beschichten oder räumlich trennen. Seit November 2020 zählt das Beschichten nicht mehr dazu. Als dauerhafte Lösung bleiben nur noch das Entfernen und die räumliche Trennung.
Der Grund liegt im Material. Eine Beschichtung hält nur, solange der Untergrund hält. Bei stark aufgelockertem Material versagt sie, und dann liegt der Asbest offen und ist obendrein schwerer zu erkennen. Beschichten taucht deshalb nur noch als vorläufige Maßnahme auf, mit der ein Raum bis zur endgültigen Sanierung weiter genutzt werden kann, und auch dann mit regelmäßiger Messung.
Bei Asbestzement ist das Bild anders. Ein geprüftes, staubarmes Verfahren erlaubt das Reinigen und Beschichten von Asbestzement-Fassadenplatten. Verboten bleibt das Reinigen und Beschichten an nicht durchgehend beschichteten Dächern und Außenwänden, also der Hochdruckreiniger auf dem nackten Wellplattendach. Wer eine Asbestzementfassade beschichten lassen will, braucht deshalb einen Betrieb mit dem passenden Verfahren, keinen Maler. Was für Ihr eigenes Dach infrage kommt, erklärt der Artikel Asbestdach sanieren.
Wie ein Sachverständiger die Dringlichkeit bewertet
Bei weichen Asbestprodukten vergibt ein Sachverständiger Punkte für die Art der Verwendung, den Zustand der Oberfläche, die Belastung von außen und die Nutzung des Raums. Die Summe ergibt die Dringlichkeitsstufe, und die Stufe ergibt die Frist.
- Sachverständigen beauftragen: über die Sachverständigenverzeichnisse der Industrie- und Handelskammern oder direkt bei einem Labor, das solche Bewertungen anbietet.
- Bestand aufnehmen: welche weichen Produkte liegen wo, in welchem Zustand, in welchen Räumen mit welcher Nutzung.
- Punkte vergeben und Stufe ermitteln: 80 Punkte und mehr bedeuten sofortiges Handeln, 70 bis 79 eine Neubewertung alle zwei Jahre, weniger als 70 alle fünf Jahre.
- Bei sofortigem Handlungsbedarf: wird der Raum weiter genutzt, sorgt eine vorläufige Maßnahme für weniger Fasern in der Luft, mit Messung direkt danach.
- Sanieren und Erfolg messen: Nach dem Entfernen oder Abtrennen zeigt eine Messung der Luft, ob die Sanierung gewirkt hat.
Diese Bewertung beruht auf einer Richtlinie, die über die Bauordnungen der Länder gilt und inhaltlich überall ähnlich ist. Wer eine Immobilie mit weichem Asbest besitzt, etwa ein älteres Bürogebäude mit Spritzasbest an Stahlträgern, hat damit eine Pflicht, die wiederkehrt, nicht nur einmal erledigt ist.
Was Belassen, Trennen oder Entfernen jeweils kostet
Die drei Wege unterscheiden sich in dem, was sie heute kosten, und in dem, was sie später kosten. Belassen kostet heute fast nichts und verschiebt die Entsorgung. Entfernen kostet heute und beendet das Thema. Räumliche Trennung liegt dazwischen und lässt das Material im Haus.
| Weg | Erlaubt, wenn | Kosten heute | Was danach bleibt |
|---|---|---|---|
| Belassen | Material fest gebunden und heil, keine Arbeit daran geplant; bei weichem Asbest Dringlichkeitsstufe zwei oder drei | eine Materialprobe ab etwa 74 Euro, dazu eventuell eine Bewertung | Sie müssen Fundstelle dokumentieren, jeden Betrieb vorab informieren und weiches Material regelmäßig neu bewerten lassen |
| Räumlich trennen | vollständiges Entfernen technisch nicht möglich | zusätzliche Bauteile mit dichten Anschlüssen, Ausführung durch einen Fachbetrieb | der Asbest bleibt im Haus, jede spätere Öffnung ist wieder eine Asbestarbeit |
| Entfernen | immer erlaubt, bei hoher Dringlichkeit oder geplanter Arbeit vorgeschrieben | Fachbetrieb mit Anmeldung, Schutzmaßnahmen, Deponiekosten zwischen rund 116 und 560 Euro je Tonne | keine weiteren Pflichten aus Asbest mehr für dieses Bauteil |
Für ein intaktes Asbestzementdach ist Belassen die günstigste erlaubte Wahl, solange Sie weder eine Solaranlage noch eine neue Eindeckung planen. Für eine Spritzasbestdecke mit 80 Punkten gibt es dagegen keine Wahl. Für alles dazwischen entscheidet die Frage, ob Sie in den nächsten Jahren ohnehin an dem Bauteil arbeiten wollen. Dann ist das Entfernen sowieso fällig, und zwei Baustellen sind teurer als eine.
Häufige Fragen
Darf Asbest im Haus bleiben?
Ja, intakter, fest gebundener Asbest wie Asbestzementplatten darf im Haus bleiben. Eine allgemeine Pflicht zur Sanierung gibt es dafür nicht, weil solches Material bei normaler Nutzung keine Fasern freisetzt. Weicher Asbest in Innenräumen darf nur bleiben, wenn die Bewertung unter 80 Punkten liegt, und muss dann alle zwei oder fünf Jahre neu bewertet werden.
Kann man Asbestplatten einfach überstreichen oder beschichten?
Weiche Asbestplatten dürfen seit November 2020 nicht mehr beschichtet werden, das zählt nicht mehr als Sanierung. Feste Asbestzement-Fassadenplatten dürfen nur mit einem geprüften, staubarmen Verfahren gereinigt und beschichtet werden. Verboten bleiben Reinigung und Beschichtung an nicht durchgehend beschichteten Asbestzementdächern.
Darf ich eine Photovoltaikanlage auf ein Asbestdach bauen?
Nein, ein Asbestzementdach fest zu überdecken, zu überbauen oder aufzuständern ist verboten, und dazu zählt auch eine Solaranlage. Erlaubt ist nur, das Asbestzementdach vollständig entfernen zu lassen und die Anlage auf die neue Eindeckung zu setzen.
Was ist der Unterschied zwischen fest und weich gebundenem Asbest?
Fest gebundener Asbest wie Asbestzement enthält meist unter 15 Prozent Asbest und setzt bei normaler Nutzung praktisch keine Fasern frei. Weich gebundener Asbest wie Spritzasbest, leichte Dämmplatten oder Pappen hat oft über 60 Prozent Asbest und gibt Fasern schon durch Alterung und Erschütterung ab.
Wann muss weich gebundener Asbest saniert werden?
Weich gebundener Asbest in Gebäuden muss sofort saniert werden, wenn die Bewertung 80 Punkte oder mehr ergibt. Bei 70 bis 79 Punkten reicht eine Neubewertung spätestens alle zwei Jahre, unter 70 Punkten spätestens alle fünf Jahre.
Darf ich ein einzelnes kaputtes Asbestzementdach-Element austauschen lassen?
Ja, einzelne defekte Asbestzementplatten eines Dachs oder einer Fassade dürfen im Rahmen der normalen Pflege gegen asbestfreie ausgetauscht werden. Das ist erlaubt, solange das Dach insgesamt noch funktioniert und das spätere vollständige Entfernen nicht erschwert wird. Ausführen darf das nur ein Betrieb mit Sachkunde.
